BJV-ExpertInnengespräch mit Markus Marterbauer
Das erste BJV ExpertInnengespräch 2008 ging erfolgreich über die Bühne: Am 21. August war Markus Marterbauer, Experte vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) und renommierter Fachkolumnist, zu Gast. Teilgenommen haben VertreterInnen aus den Mitgliedsorganisationen sowie Gäste aus verschiedenen BJV-Netzwerken.
Im Zentrum des Gespräches stand ein brisantes Thema: Die Auswirkungen unserer sozialen Sicherungssysteme auf junge Menschen. Marterbauers Vortrag über Pensionssysteme, Mindestsicherung und Altersvorsorge sorgte im Anschluss für eine rege Diskussion. Dabei zeigte sich, dass sich junge Menschen sehr stark mit diesen Fragen beschäftigen.
Keine Pensionen für die Jungen?
Die Pensionsdiskussion ist in aller Munde. Meist wird mir bedrohlichen Szenarien argumentiert und der Jugend klar gemacht, dass sie um ihre eigene soziale Absicherung im Alter fürchten muss.
Marterbauer beurteilt diese Diskussionen als sehr verkürzt und spricht sich für ein breiteres Spektrum in der Betrachtung der Thematik aus: „Österreich diskutiert sehr eng am Thema. Die Lösungsansätze sind deshalb oft auch nur Symptomkuren. Langfristig gesehen braucht es hier eine größere Perspektive."
Bis jetzt herrschen in der hiesigen Politik zwei Lösungsansätze vor: Erhöhung des Beitragssatzes und Pensionskürzung. Aber langfristig gesehen seien bei der Frage, ob Pensionen in Zukunft finanzierbar sind, auch breitere Faktoren wie wirtschaftliche Entwicklung, Entwicklung der Beschäftigung und die Strukturierung des Sozialsystems zu berücksichtigen. Marterbauer hebt vor allem die Frage der Beschäftigungsquote hervor. Hier muss das Potential, das aufgrund von Zuwanderung und Frauenerwerbstätigkeit - die in Österreich noch sehr gering ist - stärker berücksichtigt werden.
Kinderbetreuung und Frauenerwerbstätigkeit
Zentrales Statement von Marterbauer: Redet man von sozialer Absicherung, ist es zentral, in Kinderbetreuung und Bildungssystem zu investieren! Viele Familien sind von der Problematik der fehlenden Betreuungsplätze betroffen - das wurde auch in der Anschlussdiskussion bestätigt.
Das Schaffen von Kinderbetreuungsplätzen würde sich auch positiv auf die Frauenerwerbsquote auswirken. Marterbauer zeigt sich als Anhänger des skandinavischen Modells und legt dar, dass Österreich gerade im Vergleich mit den skandinavischen Ländern in diesen Bereichen noch einiges aufzuholen hat.
Schlussendlich habe die Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit mehrere positive Auswirkungen:
- Sie ist ein Mittel gegen Kinderarmut.
- Sie sichert die Frauen selbst ab.
- Es fließen mehr Beiträge in die Pensionsversicherung.
Armutsgefährdung in Österreich
Das Thema Armut gilt in der Öffentlichkeit immer noch als Tabu. Österreich hat zwar eine relativ geringe Armutsquote, aber dennoch sind 250.000 unter 14-Jährige armutsgefährdet!
Welche Lösungsansätze gibt es hier? Als Beispiel nennt Marterbauer die Mindestsicherung, die er aber zweigeteilt sieht: Positiv sei die Ausweitung der Sozialhilfe, aber Armut werde dadurch nicht verhindert. Langfristig gesehen ist es wichtig, Leute, die von Armut betroffen sind, in abgesicherte Beschäftigung zu bringen.
Marterbauer spricht auch das Problem der prekären Arbeitsverhältnisse an, von dem vor allem junge ArbeitnehmerInnen betroffen sind. Die aktuellen Tendenzen am Arbeitsmarkt bringen schließlich langfristig Probleme für eine soziale Absicherung mit sich, und hier droht ein weiteres Problem: Altersarmut.
„Die Auswirkungen des sogenannten „flexiblen" Arbeitsmarktes sind heute schon in der Einkommensverteilung sichtbar", so Marterbauer. Deshalb muss eine Gesellschaft wie Österreich nicht nur in das Bildungssystem, sondern auch in bessere Jobs investieren.
